Auswirkungen und Abhängigkeiten der Unternehmen von Biodiversität
Die Natur ist nicht nur der Lebensraum unzähliger Arten – sie ist die Grundlage von Allem, die gesamte Wirtschaft baut auf ihr auf. Während Unternehmen nun seit Jahren verstärkt Klimarisiken analysieren und Klimaziele setzen, bleibt ein noch grundlegenderes, existenzbedrohendes Risiko oft unberücksichtigt: der Verlust der biologischen Vielfalt. Im Februar 2026 hat die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) ihren lang erwarteten „Methodological Assessment Report on the Impact and Dependence of Business on Biodiversity“ veröffentlicht – einen Bericht, der eine grundlegende Transformation der Wirtschaft fordert, mit der der Biodiversitätsverlust gestoppt und auch umgekehrt wird.
Der Bericht wurde von 79 führenden Experten aus 35 Ländern über einen Zeitraum von drei Jahren erarbeitet und ist weit mehr als eine wissenschaftliche Analyse. Er ist ein Appell an alle Akteure, die eigene Abhängigkeit von intakten Ökosystemen zu erkennen und gleichzeitig Verantwortung für die Auswirkungen auf die Natur zu übernehmen. Der Bericht zeigt außerdem einen klaren Fahrplan auf, wie Unternehmen nicht nur Risiken minimieren, sondern auch neue Geschäftschancen in einer sich wandelnden Welt erschließen können. Dr. Luthando Dziba, Chefsekretär der IPBES bringt den zentrale Anspruch und Inhalt des Berichts mit einem Satz auf den Punkt:
“Nature is everybody’s business and the conservation, restoration and sustainable use of biodiversity is central to business sustainability and success.”
Wofür steht IPBES?
Die IPBES wird auch als „IPCC für Biodiversität“ bezeichnet. 2012 wurde die Plattform aus Wissenschaftlern und Experten aus dem privaten Sektor von über 100 Ländern ins Leben gerufen, um den globalen Verlust von Arten und Ökosystemen wissenschaftlich zu bewerten und politische Handlungsempfehlungen abzuleiten. Während der IPCC den Klimawandel analysiert, untersucht die IPBES, wie der Rückgang der biologischen Vielfalt Wirtschaft, Gesellschaft und das Überleben des Menschen bedroht.
Der neue Business and Biodiversity Report ist der erste seiner Art, der systematisch die Wechselwirkungen zwischen Unternehmen und der Natur bewertet – sowohl die Abhängigkeiten als auch die Auswirkungen. Mit der Freigabe durch die mittlerweile 150 Mitgliedsregierungen im Februar hat er globale politische Legitimität und sendet ein unmissverständliches Signal: Biodiversität ist kein Nischenthema, sondern eine zentrale Herausforderung für die Zukunftsfähigkeit vom Leben und Wirtschaften auf diesem Planeten.
Jedes Unternehmen ist betroffen – auch wenn es nicht „natur-nah“ erscheint
Ein weitverbreiteter Irrglaube ist die Annahme, dass Biodiversität nur für Branchen nahe an der Land- und Forstwirtschaft oder dem Tourismus relevant ist. Die Realität ist aber: Jedes Unternehmen, unabhängig von seiner Branche, ist auf direkte oder indirekte Weise von der Natur abhängig. Auch ein Technologieunternehmen, das auf den ersten Blick nichts mit der Natur zu tun hat, ist abhängig von einem intakten Ökosystemen – sei es durch den Wasserbedarf seiner Rechenzentren, die Metalle in seiner Hardware oder die klimastabilisierende Wirkung von Wäldern die wiederum Klimarisiken für das Unternehmen verringern.
Gleichermaßen wirken sich die Tätigkeiten aller Unternehmen auf die Natur aus. Auch hier gibt es direkte Auswirkungen durch beispielsweise die Verschmutzung von Wasser, Luft oder Boden durch Chemikalien, intensive Wassernutzung und Grundwasserentnahme oder die Bodenversiegelung für Infrastruktur und Gebäude. Indirekte Auswirkungen entstehen in der vor- oder nachgelagerten Lieferkette zum Beispiel durch Habitat Zerstörung und Landnutzungsänderung für den Rohstoffabbau, die Einführung invasiver Arten via globaler Transportwerge oder die unsachgemäße Entsorgung von Abfällen.
Fehlgeleitete Geldströme
Aktuell fallen wenig bis keine Zahlungen für die Zerstörung von Lebensräumen, die Verschmutzung von Gewässern oder den Verlust von Arten an – obwohl diese Faktoren langfristig auch die Geschäftsgrundlage der Verursacher gefährden. Gleichzeitig fehlen Anreize, um positive Beiträge zum Naturschutz zu belohnen. Dies führt zu einer marktverzerrenden Situation, in der Naturzerstörung oft billiger ist als Naturschutz.
Hohe Subventionen befördern außerdem den Biodiversitätsverlust. Die IPBES hat berechnet, dass im Jahr 2023 7,3 Billionen Dollar aus öffentlichen und privaten Geldern in Aktivitäten mit negativen Auswirkungen auf die Biodiversität flossen. Gleichzeitig gab es rund 220 Milliarden Dollar für den Erhalt und Wiederaufbau von Biodiversität.
Damit ist auch klar: Unternehmen können den Biodiversitätsverlust nicht im Alleingang stoppen – notwendig ist eine Zusammenarbeit aller Akteure unter der Berücksichtigung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Drei Kriterien für die Auswahl der richtigen Methode
Trotz der offensichtlichen Risiken zögern viele Unternehmen, Biodiversität in ihre Strategien zu integrieren. Weniger als ein Prozent der berichtenden Unternehmen erwähnen Biodiversität in ihren Nachhaltigkeitsberichten, und viele verbringen mehr Zeit damit, sich durch den Methoden-Dschungel zu kämpfen, als damit tatsächlich wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen. Angesichts der Vielzahl an Ansätzen gibt der IPBES-Bericht hier eine klare Orientierung. Die erste Hilfe ist die Bewertung von drei zentralen Kriterien: Die Abdeckung – geographisch und bezogen auf die inkludierten Auswirkungen und Abhängigkeiten, die Genauigkeit und die Sensitivität, also die Möglichkeit Änderungen zu berücksichtigen, die den Handlungen des Unternehmens zugeschrieben werden können (responsiveness). So eignet sich beispielsweise für das Screening der Lieferkette in erster Linie ein Life-Cycle Ansatz, während eine Karten-Analyse nur unter der Voraussetzung ausreichender Genauigkeit, Abdeckung und Sensitivität sinnvoll ist.
Indigene Rechte und lokale Gemeinden: Ein oft übersehener, aber kritischer Faktor
Ein besonders brisantes Thema, das der IPBES-Bericht außerdem aufgreift, ist die Rolle indigener Völker und lokaler Gemeinden. Obwohl 60 Prozent der indigenen Gebiete weltweit durch industrielle Entwicklung bedroht sind und ein Viertel aller indigenen Territorien unter hohem Druck durch Rohstoffabbau, Landwirtschaft oder Infrastrukturprojekte stehen, werden indigen Völker in Unternehmensentscheidungen selten angemessen einbezogen.
Doch indigene Gemeinschaften sind oft die besten Hüter der Biodiversität. Ihr traditionelles Wissen über nachhaltige Landnutzung, Artenvielfalt und Ökosystemmanagement kann Unternehmen helfen, resilientere und naturverträglichere Geschäftsmodelle zu entwickeln. Der Bericht betont, dass Unternehmen hier partizipative Prozesse etablieren sollten.
Der Maßnahmenkatalog – mehr als 100 Beispiele
Der IPBES-Bericht skizziert drei Ebenen, auf denen Unternehmen aktiv werden können: die unternehmerische Strategie, der unternehmerische Betrieb und die Standorte sowie die entlang der Lieferkette. Um einen Eindruck der beschriebenen Maßnahmen zu bekommen haben wir Ihnen hier eine kleine Auswahl zusammengestellt:
Strategie Ebene:
- Ambitionierte Verpflichtungen und Ziele setzen und Biodiversität in die Unternehmensstrategie implementieren
- Biodiversitäts-bezogene Risiken und Chancen, Kosten und Nutzen in die Unternehmensentscheidungen und Finanzplanung aufnehmen
Operative Ebene:
- Messung und Kontrolle von Auswirkungen des Unternehmens auf Biodiversität und von Maßnahmen zur Reduzierung von Biodiversitätsverlust
- Investitionen in Landschaftsschutz, in die Förderung von Biodiversität und in nachhaltiges Management
Lieferkette Ebene:
- Sicherstellung der Rückverfolgbarkeit
- Kommunikation von Erwartungen, Prüfung und Reaktion auf nicht-Einhaltung
Außerdem:
- Lobbying für ambitionierte Biodiversitäts-Standards und die Veröffentlichung dieser Aktivitäten
- Innovation und neue Technologien vorantreiben (z.B. Biobasierte Produkte, Kontroll-Tools, KI-Analysen)
Zusammengefasst:
Der IPBES-Bericht 2026 fordert ein Umdenken der Wirtschaft und Gesellschaft hinsichtlich der Natur. Biodiversitätsverlust ist kein Umweltproblem, sondern eine wirtschaftliche Kernherausforderung. Dabei sind vor allem diese drei Botschaften zentral:
- Biodiversitätsverlust ist ein existenzielles Risiko – für Lieferketten, Reputation und Finanzierung.
- Es gibt keine Entschuldigung mehr für Untätigkeit – Methoden und Daten sind verfügbar, auch wenn noch einige Lücken bestehen.
- Pioniere werden belohnt – Unternehmen, die jetzt investieren, sichern sich nicht nur gegen Risiken ab, sondern erschließen auch neue Märkte und Wettbewerbsvorteile.
Was Sie heute tun können:
- Bewerten Sie Ihre Abhängigkeiten und Auswirkungen mit Frameworks wie dem TNFD LEAP-Ansatz.
- Setzen Sie wissenschaftsbasierte Ziele, etwa durch die Science Based Targets for Nature.
- Integrieren Sie Biodiversität in Ihr Risikomanagement und Ihre Unternehmensstrategie (ISO 17298:2025)
- Arbeiten Sie mit Partnern zusammen – von lokalen Gemeinden bis zu Finanzinstituten.
- Kommunizieren Sie transparent – für Kunden, Investoren und Regulierer.
Die DFGE als Partner für ihre Biodiversitätsstrategie
Die DFGE begleitet Unternehmen dabei, das Thema Biodiversität pragmatisch und verständlich anzugehen. Von der Analyse der eigenen Umweltwirkungen über die Definition von Zielen bis hin zu Maßnahmenplanung, Monitoring und Reporting – die DFGE sorgt dafür, dass Klimaschutz und Biodiversität Hand in Hand gehen.
Interessiert? Mehr Informationen finden Sie unter www.dfge.de oder kontaktieren Sie uns direkt per E-Mail: / Telefon: 08192-99733-20.








