Die Berechnung des eigenen Corporate Carbon Footprint (CCF) ist für Unternehmen die Voraussetzung für ein wirksames Klimamanagement. Doch sobald der Blick über die eigenen Produktionsstandorte, Fahrzeuge und Energieverbräuche hinausgeht, wird deutlich: in den allermeisten Branchen entsteht ein relevanter Teil (je nach Branche oft über 80-90%) der Treibhausgasemissionen in der Wertschöpfungskette. Die Kategorie Scope 3.1 „Eingekaufte Waren und Dienstleistungen“ des GHG Protocols umfasst die Treibhausgasemissionen, die in der vorgelagerten Lieferkette entstehen, also in einem Bereich, den Unternehmen nur indirekt in Zusammenarbeit mit ihren Lieferanten („Supplier“) beeinflussen können.
Supplier Engagement bezeichnet die strukturierte Einbindung von Lieferanten in die Erhebung, Verbesserung und Nutzung klimabezogener Daten. Ziel ist es, die Datenqualität für die Scope-3-Bilanzierung schrittweise zu erhöhen und gemeinsam Reduktionspotenziale in der Lieferkette zu identifizieren und umzusetzen.
Der Beitrag „Scope 3.1 Deep Dive – Supplier Engagement: Praktische Anwendung des weight-based Ansatzes“ erläutert bereits den methodischen Mehrwert physischer Aktivitätsdaten gegenüber rein ausgabenbasierten Schätzungen. Der vorliegende Beitrag knüpft daran an und zeigt, wie Unternehmen eine bessere Datenbasis systematisch aufbauen – und die gewonnenen Erkenntnisse in konkrete Reduktionsmaßnahmen überführen können.
Warum Supplier Engagement für den CCF entscheidend ist
Für die Berechnung der Scope 3-Emissionen sind Unternehmen auf Informationen aus ihrer Lieferkette angewiesen. Das GHG Protocol unterscheidet für eingekaufte Waren und Dienstleistungen unter anderem zwischen ausgabenbasierten, durchschnittsdatenbasierten, hybriden und lieferantenspezifischen Methoden. Lieferantenspezifische, produktbezogene Daten sind besonders aussagekräftig, wenn sie die tatsächlich beschafften Güter oder Leistungen abbilden und nachvollziehbar ermittelt wurden. Gleichzeitig ist es unrealistisch, bereits im ersten Erhebungsjahr von allen relevanten Lieferanten vollständige und vergleichbare Primärdaten zu erhalten.
Deshalb ist ein pragmatischer Reifegradansatz sinnvoll: Zunächst ermöglicht ein Screening mit verfügbaren Einkaufs-, Mengen- und Sekundärdaten eine belastbare Hotspot-Analyse. Darauf aufbauend werden jene Lieferanten, Warengruppen und Materialien priorisiert, bei denen eine verbesserte Datenqualität den größten Effekt auf die Steuerungsfähigkeit hat. Die Frage lautet also nicht: „Haben wir sofort für alles perfekte Daten?“ Sondern: „Wo benötigen wir bessere Daten, um fundierte Entscheidungen zu treffen?“
Supplier Engagement erfüllt dabei zwei Aufgaben zugleich:
- Datenbasis verbessern: Primärdaten des Lieferanten, etwa zu Energieeinsatz, Produktionsmengen, Materialeinsatz oder produktbezogenen CO2e-Werten (Product Carbon Footprints – PCFs) der gelieferten (Vor-)Produkte, Rohstoffe, Zulieferteile, etc, erhöhen die Aussagekraft des CCF des Unternehmens.
- Emissionen reduzieren: Der Austausch zwischen dem Unternehmen und seinen Lieferanten schafft Transparenz über Hotspots und öffnet den Raum für gemeinsame Reduktionshebel – beispielsweise effizientere Prozesse, erneuerbare Energien, Materialsubstitution oder eine geringere CO2e-Intensität von Vorprodukten.
Vom Datensammeln zum Steuerungsinstrument: ein fünfstufiger Ansatz
1. Relevante Lieferanten und Emissionshotspots identifizieren und priorisieren
Nicht jede Beschaffungskategorie verlangt dieselbe Datentiefe. Unternehmen sollten ihre Lieferantenbasis daher risikoorientiert segmentieren. Relevante Kriterien sind beispielsweise Einkaufsvolumen, geschätzte Emissionsintensität, strategische Bedeutung, vorhandene Datenlücken sowie die Fähigkeit eines Lieferanten, Daten und Maßnahmen bereitzustellen.
Die 80/20-Logik ist hierbei hilfreich: Ein überschaubarer Anteil der Lieferanten oder Warengruppen verursacht häufig einen Großteil der beschaffungsbezogenen Emissionen. Die DFGE geht hier nach dem Top Down Ansatz vor, um sich gezielt auf die relevanten Hotspot-Kategorien zu konzentrieren. Eine solche Priorisierung reduziert den Erhebungsaufwand und erhöht die Effizienz, und verhindert so, dass Lieferanten mit unverhältnismäßigen Anforderungen konfrontiert werden.
2. Datenerwartungen klar, verhältnismäßig und vergleichbar formulieren
Viele Abfragen scheitern nicht am fehlenden Willen der Lieferanten, sondern an uneinheitlichen Vorgaben. Eine gute Datenabfrage erklärt deshalb eindeutig, welche Daten benötigt werden, für welchen Zeitraum, für welches Produkt oder welche Leistung, nach welcher Methode sie berechnet wurden und welche Nachweise erwartet werden.
Dabei empfiehlt sich ein stufenweises Vorgehen:
- Basisdaten: Produktionsstandort, bezogene Mengen, Materialgruppen und vorhandene Umwelt- oder Klimadaten.
- Unternehmensdaten: Scope-1- und Scope-2-Emissionen des Lieferanten, Energieverbrauch, Anteil erneuerbarer Energien sowie Reduktionsziele.
- Produktdaten: Product Carbon Footprint (PCF) oder LCA für die gelieferten Produkte.
- Qualitätsinformationen: Bilanzierungsgrenze, Bezugsjahr, verwendete Emissionsfaktoren, Allokationslogik, externe Prüfung und Datenlücken.
Eine strukturierte Vorlage mit Erläuterungen und Beispielen erhöht die Rücklaufquote und Vergleichbarkeit erheblich. Wichtig: Datenqualität sollte transparent bewertet werden – etwa nach Aktualität, geografischer Repräsentativität, technologischer Passung, Vollständigkeit und Verlässlichkeit. So bleibt erkennbar, welche Werte bereits für Steuerungsentscheidungen geeignet sind und wo weitere Verbesserungen erforderlich sind.
3. Lieferanten befähigen statt nur bewerten
Gerade kleine und mittlere Lieferanten verfügen häufig noch nicht über etablierte Systeme für die Treibhausgasbilanzierung. Wer ausschließlich Daten anfordert, erzeugt schnell Frustration und erhält im Zweifel Schätzwerte, die nicht vergleichbar sind. Erfolgreiches Supplier Engagement kombiniert Erwartungen deshalb mit Unterstützung: Webinare, Leitfäden, Sprechstunden oder Trainings helfen Lieferanten, die Anforderungen einzuordnen und eigene Klimadaten aufzubauen.
Dabei ist eine gemeinsame Sprache entscheidend. Fachbegriffe wie Scope 1, 2 und 3, CO2e, PCF oder Emissionsfaktor sollten praktisch erklärt werden. Ebenso wichtig ist die Botschaft, dass die erste Datenerhebung ein Ausgangspunkt ist. Verbesserungen über mehrere Erhebungszyklen sind ausdrücklich erwünscht – und sollten entsprechend gemonitored werden.
4. Beschaffung und Nachhaltigkeitsmanagement gemeinsam verankern
Supplier Engagement funktioniert nicht als isoliertes Nachhaltigkeitsprojekt in der Procurement-Abteilung eines Unternehmens. Der Einkauf gestaltet Lieferantenbeziehungen, Ausschreibungen, Spezifikationen und Vergabeentscheidungen des Unternehmens. Das Nachhaltigkeitsmanagement liefert Methodenkompetenz, Klimaziele und die Logik für den gesamten Corporate Carbon Footprint. Erst das Zusammenspiel beider Abteilungen sorgt dafür, dass Klimadaten im Unternehmen in operative Prozesse übersetzt werden.
Praxisnah sind beispielsweise die Integration von Klimakriterien in Lieferantenbewertungen, die Berücksichtigung belastbarer PCF-Daten in Ausschreibungen oder jährliche Gespräche über Reduktionsfortschritte. Die Anforderungen sollten dabei angekündigt, realistisch terminiert und möglichst mit bestehenden Lieferantenprozessen verbunden werden, damit kein isolierter Parallelprozess entsteht, sondern ein integratives und zukunftsfähiges Beschaffungsmanagement.
Mit Daten allein sinken keine Emissionen
Eine bessere Datenbasis ist kein Selbstzweck. Sie soll Entscheidungen ermöglichen: Welche Materialien sind besonders emissionsintensiv? Welche Lieferanten können ihre Energieversorgung umstellen oder Transporte effizienter gestalten? Wo lassen sich Design, Spezifikationen oder Verpackungen verändern? Welche Beschaffungsalternativen sind technisch und wirtschaftlich sinnvoll und realistisch?
Aus den Antworten lassen sich gemeinsame Maßnahmenpläne entwickeln. Sinnvolle Kennzahlen sind beispielsweise der Anteil der Scope-3-Emissionen, der durch Primärdaten abgedeckt ist, die Rücklaufquote priorisierter Lieferanten, die Anzahl der Lieferanten mit Klimazielen sowie absolute und intensitätsbezogene Emissionsentwicklungen. Entscheidend ist, zwischen Datenverbesserung und tatsächlicher Emissionsminderung zu unterscheiden: Ein genauerer Wert verändert eine Bilanz; erst wirksame Maßnahmen verändern die reale Emissionsmenge.
Fazit: Supplier Engagement ist ein Lern- und Verbesserungszyklus
Eine robuste Scope-3-Bilanz entsteht nicht durch eine einmalige Datenerhebung. Sie wächst mit der Qualität der Lieferantenbeziehungen, der Methodik und den verfügbaren Informationen. Unternehmen sollten deshalb klein genug starten, um handlungsfähig zu sein, und ambitioniert genug planen, um Datenqualität und Reduktion kontinuierlich voranzutreiben.
Der passende Weg führt von der Hotspot-Analyse über priorisierte Datenerhebung und Befähigung bis zur gemeinsamen Umsetzung und regelmäßigen Überprüfung. So wird Supplier Engagement zum Bindeglied zwischen Corporate Carbon Footprint, nachhaltiger Beschaffung und einer messbar emissionsärmeren Lieferkette.
Wie die DFGE unterstützt
Die DFGE unterstützt Unternehmen dabei, ihre Scope-3-Emissionen strukturiert zu erfassen, Datenqualität nachvollziehbar weiterzuentwickeln und Lieferanten in wirksame Klimaschutzmaßnahmen einzubinden. Von der Hotspot-, Gap- und Datenanalyse über Abfragekonzepte und Lieferantenkommunikation bis zu Klimastrategie und Reduktionsroadmaps begleiten wir den gesamten Prozess.
Sprechen Sie uns an, wenn Sie Ihren Corporate Carbon Footprint als Grundlage für ein wirksames Scope-3-Management nutzen möchten.
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