Am 11. Juni 2026 hat die Science Based Targets initiative (SBTi) den Corporate Net-Zero Standard Version 2.0 veröffentlicht. Damit liegt die erste vollständige Überarbeitung des Corporate Net-Zero Standard seit seiner Einführung vor. Die neue Version markiert einen deutlichen Schritt: Weg von einem primär validierungsorientierten Rahmen, hin zu einem Standard, der stärker auf Umsetzung, Fortschritt, Governance und kontinuierliche Verbesserung ausgerichtet ist.
Die SBTi reagiert damit auf Erfahrungen aus mehr als zehn Jahren Unternehmensarbeit. Mehr als 11.000 Unternehmen haben bereits Ziele mit der SBTi gesetzt oder validieren lassen; gleichzeitig zeigt die Praxis, dass die eigentliche Herausforderung nicht nur im Setzen ambitionierter Ziele liegt, sondern vor allem in deren Umsetzung entlang von Geschäftsmodellen, Lieferketten, Investitionszyklen und operativen Entscheidungen .
Was ist neu am Corporate Net-Zero Standard V2.0?
Der neue Standard bleibt wissenschaftlich an Netto-Null bis spätestens 2050 und dem 1,5-°C-Ziel ausgerichtet. Gleichzeitig soll er realistischer abbilden, dass Unternehmen je nach Größe, Markt, Sektor und Wertschöpfungskette unterschiedliche Möglichkeiten und Barrieren bei der Dekarbonisierung haben.
Die wichtigsten Änderungen sind:
- Der Standard unterscheidet künftig zwischen Category A und Category B.
- Transitionspläne werden zu einem zentralen Bestandteil der Zielumsetzung.
- Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Ziele werden stärker getrennt und differenziert betrachtet.
- Scope 3 wird stärker nach Materialität und Einflussmöglichkeiten ausgestaltet.
- Unternehmen müssen Fortschritte und Umsetzungsbarrieren transparenter berichten.
- Die neue Implementation Hierarchy priorisiert direkte Emissionsreduktionen, lässt aber unter bestimmten Bedingungen auch systemische und sektorale Maßnahmen zu.
- Mit Ongoing Emissions Responsibility führt die SBTi ein freiwilliges Anerkennungsprogramm für Klimabeiträge zu laufenden Emissionen ein.
Neue Unternehmenskategorien: Category A und Category B
Eine zentrale Neuerung ist die Einteilung von Unternehmen in zwei Kategorien. Category A umfasst große Unternehmen weltweit sowie bestimmte mittelgroße Unternehmen in High-Income Countries. Category B umfasst Unternehmen, die diese Schwellenwerte nicht erfüllen. Die Kategorisierung ist wichtig, weil sich daraus unterschiedliche Anforderungen ergeben, etwa bei Scope 3, Assurance und der Veröffentlichung von Transitionsplänen .
Category-A-Unternehmen unterliegen umfangreicheren Anforderungen. Category-B-Unternehmen erhalten teilweise mehr Flexibilität, werden aber ausdrücklich ermutigt, über Mindestanforderungen hinauszugehen.
Transitionspläne werden zentral
Version 2.0 macht deutlich: Zielsetzung ist nur der Anfang. Unternehmen müssen künftig einen Transitionsplan entwickeln und pflegen, der beschreibt, wie die wissenschaftsbasierten Ziele umgesetzt werden sollen. Dazu gehören unter anderem Zielinformationen, abgedeckte Emissionsquellen, konkrete Maßnahmen, Zeiträume, Annahmen und externe Abhängigkeiten .
Für Category-A-Unternehmen gilt zusätzlich, dass der Transitionsplan grundsätzlich innerhalb von 15 Monaten nach Target Validation veröffentlicht werden muss . Damit rückt die SBTi Zielsetzung deutlich näher an Unternehmensstrategie, Finanzplanung, Beschaffung und operative Steuerung.
Scope 1 und Scope 2: Mehr Optionen und klarere Anforderungen
Bei Scope 1 können Unternehmen Near-Term Targets künftig über verschiedene Ansätze setzen: absolute Emissionsreduktion, emissionsintensitätsbasierte Ziele oder Asset Transition Targets. Besonders Asset Transition Targets können für Unternehmen mit emissionsintensiven Anlagen und langen Investitionszyklen relevant sein . Wer Intensitäts- oder Asset-Transition-Ziele nutzt, muss zusätzlich langfristige Scope-1-Ziele setzen .
Bei Scope 2 verschiebt sich der Fokus von rein erneuerbarem Strom hin zu Low-Carbon Electricity. Unternehmen können Near-Term Scope-2-Ziele entweder als Low-Carbon-Electricity-Alignment-Ziele oder als absolute Scope-2-Emissionsreduktionsziele setzen. Category-A-Unternehmen mit stark wachsendem Stromverbrauch müssen ein Scope-2-Emissionsziel setzen; ein zusätzliches Low-Carbon-Electricity-Ziel ist optional .
Scope 3: Materialität und Einflussmöglichkeiten im Fokus
Scope 3 zählt zu den Bereichen mit den größten Änderungen. Während Version 1.3.1 mit pauschalen Abdeckungsquoten arbeitete, setzt Version 2.0 stärker auf signifikante Kategorien und reale Einflussmöglichkeiten. Category-A-Unternehmen müssen Near-Term Scope-3-Ziele für Kategorien setzen, die jeweils mindestens 5 % der Scope-3-Emissionen ausmachen .
Gleichzeitig erlaubt der Standard bestimmte Ausschlüsse, etwa wenn Unternehmen keine ausreichende praktische Einflussmöglichkeit haben. Diese Ausschlüsse müssen jedoch begründet, quantifiziert und mit geplanten Minderungsmaßnahmen verbunden werden .
Bei den Zieloptionen wird Scope 3 ebenfalls flexibler: Möglich sind übergreifende absolute Reduktionsziele, Supplier- und Customer-Alignment-Ziele sowie kategorie- oder aktivitätsspezifische Ziele, zum Beispiel für emissionsintensive Materialien, Transport, die Nutzung verkaufter Produkte oder End-of-Life-Emissionen .
Net-Zero Targets bleiben optional – aber mit klaren Bedingungen
Ein wichtiger Punkt: Net-Zero Targets sind in Version 2.0 optional. Unternehmen können also Near-Term Targets unter dem Corporate Net-Zero Standard setzen, ohne zwingend ein übergreifendes Net-Zero Target zu formulieren.
Wenn ein Unternehmen jedoch ein Net-Zero Target setzt, gelten klare Anforderungen: Es muss Near-Term und Long-Term Targets für Scope 1, Scope 2 und Scope 3 festlegen und verbleibende Residualemissionen neutralisieren . Die Anforderungen an glaubwürdige Net-Zero Claims bleiben damit hoch.
Implementation Hierarchy und Best-Efforts-Ansatz
Version 2.0 führt eine neue Implementation Hierarchy ein. Unternehmen sollen zunächst direkte Maßnahmen auf Aktivitätsebene umsetzen, also Emissionen in den eigenen Aktivitäten und Wertschöpfungsketten reduzieren. Wo dies nicht ausreicht oder strukturelle Barrieren bestehen, können ergänzend Maßnahmen in gemeinsamen Systemen oder auf Sektorebene berücksichtigt werden .
Zugleich wird ein Best-Efforts-Ansatz stärker sichtbar: Unternehmen sollen alle verfügbaren Hebel nutzen, aber auch transparent machen, welche externen Barrieren Zielerreichung und Umsetzung beeinflussen. Dazu gehören zum Beispiel Technologieverfügbarkeit, Infrastruktur, Lieferkettenreife, Regulierung oder Finanzierung.
Ongoing Emissions Responsibility: Neuer Umgang mit laufenden Emissionen
Version 2.0 führt ein freiwilliges Programm zur Ongoing Emissions Responsibility (OER) ein. Es soll Unternehmen anerkennen, die zusätzlich zur eigenen Emissionsreduktion Verantwortung für laufende Emissionen übernehmen. Die Anerkennungsstufen reichen von 1 % der laufenden Emissionen im Level „Engaged“ bis hin zu 100 % für Category-A-Unternehmen im Level „Leadership“.
Wichtig ist: OER ersetzt keine Emissionsreduktion. Es ist eine Ergänzung zur Dekarbonisierung der eigenen Aktivitäten und Wertschöpfungsketten. Ab 2035 skizziert der Standard zudem eine künftige Anforderung, wonach Unternehmen mindestens 1 % ihrer laufenden Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen über geeignete Carbon Removals adressieren sollen, mit linearem Anstieg bis 100 % spätestens zum Net-Zero-Jahr .
Zeitplan: Was Unternehmen jetzt wissen sollten
Version 2.0 wurde am 11. Juni 2026 veröffentlicht und wird laut SBTi am 1. Februar 2027 wirksam.
Version 1 bleibt für Zielsetzungen noch bis Ende 2027 geöffnet. Unternehmen mit bestehenden 2030-Zielen sollten ab 2028 damit beginnen, Ziele für den nächsten Zyklus, etwa 2030 bis 2035, unter Version 2.0 vorzubereiten.
Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?
Für Unternehmen bedeutet der neue Standard: mehr Flexibilität, aber auch mehr Verantwortung. Die Zielsetzung wird stärker mit Umsetzung, Datenqualität, Governance, Transitionsplanung und Fortschrittsbewertung verbunden.
Unternehmen sollten jetzt insbesondere prüfen:
- Fallen wir unter Category A oder Category B?
- Sind bestehende SBTi-Ziele mit der neuen Struktur kompatibel?
- Ist unser GHG-Inventory aktuell, vollständig und ausreichend belastbar?
- Welche Scope-3-Kategorien sind signifikant?
- Gibt es emissionsintensive Aktivitäten in der Wertschöpfungskette?
- Liegt bereits ein belastbarer Transitionsplan vor?
- Welche Assurance-Anforderungen könnten auf uns zukommen?
- Wie wollen wir künftig über Fortschritt, Barrieren und Net-Zero Claims kommunizieren?
Wie kann die DFGE unterstützen?
Die DFGE unterstützt Unternehmen dabei, wissenschaftsbasierte Klimaziele zu setzen, bestehende Ziele zu überprüfen und die Anforderungen des neuen SBTi Corporate Net-Zero Standard V2.0 umzusetzen. Unsere Expertinnen und Experten begleiten Sie unter anderem bei der Berechnung und Analyse von Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen, der Entwicklung und Validierung SBTi-konformer Reduktionsziele, der Erstellung von Klimastrategien und Transitionsplänen sowie bei Fortschrittsberichterstattung und Transparenzanforderungen.
Wenn Sie Ihre SBTi-Net-Zero-Strategie an den neuen Standard anpassen oder erstmals wissenschaftsbasierte Ziele entwickeln möchten, kontaktieren Sie uns gerne unter oder telefonisch unter 08192-99733-20.
FAQ | Häufige Fragen zum SBTi Net-Zero Standard 2.0
Der Corporate Net-Zero Standard 2.0 ist die erste umfassende Überarbeitung des SBTi-Rahmenwerks für wissenschaftsbasierte Netto-Null-Ziele. Die neue Version stärkt den Fokus auf Umsetzung, Fortschrittsmessung, Governance und Transparenz und ergänzt die bisherige Ausrichtung auf die Validierung von Klimazielen.
Die SBTi hat Version 2.0 am 11. Juni 2026 veröffentlicht. Der Standard tritt am 1. Februar 2027 in Kraft. Unternehmen können Ziele nach Version 1 weiterhin bis Ende 2027 einreichen, bevor die vollständige Umstellung erfolgt.
Mit Version 2.0 teilt die SBTi Unternehmen erstmals in zwei Kategorien ein. Category A umfasst große Unternehmen sowie bestimmte mittelgroße Unternehmen in einkommensstarken Ländern. Category B beinhaltet kleinere Unternehmen. Die Einteilung bestimmt unter anderem die Anforderungen an Scope-3-Ziele, Transitionspläne, Assurance und Berichterstattung.
Der neue Standard ersetzt pauschale Abdeckungsquoten durch einen stärker materialitätsorientierten Ansatz. Unternehmen müssen künftig Ziele für signifikante Scope-3-Kategorien definieren und ihre tatsächlichen Einflussmöglichkeiten berücksichtigen. Gleichzeitig werden bestimmte begründete Ausschlüsse unter klaren Voraussetzungen zugelassen.
Nein. In Version 2.0 sind Net-Zero Targets grundsätzlich optional. Unternehmen können weiterhin Near-Term Targets setzen, ohne ein vollständiges Net-Zero-Ziel zu formulieren. Wer jedoch ein Net-Zero Target kommuniziert, muss zusätzliche Anforderungen erfüllen, darunter langfristige Ziele für alle relevanten Emissionsbereiche sowie die Neutralisierung verbleibender Residualemissionen.








