
Am 15. Juli 2026 hat die EFRAG beim „Friends of EFRAG“-Event sein Q2-Update zur europäischen Nachhaltigkeitsberichterstattung vorgestellt. Neben dem Arbeitsprogramm 2026/27 und dem neuen Standard für Drittstaaten-Unternehmen (ESRS-40a) stand vor allem ein Thema im Fokus, das für den deutschen Mittelstand unmittelbar relevant ist: der Voluntary Standard (VS) und das rund um ihn wachsende SME-Ecosystem.
Nachdem die Europäische Kommission Anfang Juli 2026 die überarbeiteten ESRS und den freiwilligen Standard verabschiedet hat, wird nun sichtbar, wie EFRAG die praktische Umsetzung begleitet – mit Guidance, digitalen Werkzeugen und einer eigenen Community-Infrastruktur. In diesem Beitrag fassen wir die wichtigsten Inhalte des Updates zusammen und ordnen ein, was das konkret für kleinere und mittelgroße Unternehmen bedeutet.
Warum ein freiwilliger Standard für kleinere Unternehmen?
Der Ausgangspunkt ist ein praktisches Problem: Kleinere Unternehmen erhalten heute eine wachsende Zahl an ESG-Fragebögen – von Banken, Investoren und großen Geschäftskunden entlang der Lieferkette. Jeder Fragebogen ist anders, der Aufwand summiert sich.
Genau hier setzt der Voluntary Standard an. Sein erklärtes Ziel ist es, einen wesentlichen Teil dieser Fragebögen glaubwürdig zu ersetzen und Unternehmen zugleich ein Werkzeug an die Hand zu geben, um die eigene Nachhaltigkeitsleistung zu steuern. Der Standard ist damit die direkte Antwort auf zwei politische Aufträge: die EFRAG-Arbeit an vereinfachten, freiwilligen Standards und die Action 14 des EU-SME-Relief-Package von 2023, die einen einfachen und standardisierten ESG-Rahmen für den schnelleren Zugang zu grüner Finanzierung fordert.
Drei Grundprinzipien prägen den Standard:
- Freiwillig, aber marktgetrieben. Der VS ist nicht rechtlich verbindlich und liegt außerhalb der CSRD. Sein Erfolg hängt davon ab, dass große Unternehmen und Banken ihn aktiv nachfragen.
- Proportionalität. Vereinfachte Sprache, ein modularer Aufbau und Konsistenz mit den ESRS sorgen dafür, dass der Aufwand zur Unternehmensgröße passt.
- Keine Wesentlichkeitsanalyse erforderlich. Anders als bei den ESRS ist eine formale doppelte Wesentlichkeitsanalyse keine Voraussetzung.
Der modulare Aufbau: Basic und Comprehensive
Der Standard ist bewusst zweistufig konzipiert, damit Unternehmen je nach Reifegrad und Stakeholder-Anforderungen einsteigen können.
| Basic-Modul | Comprehensive-Modul | |
| Zielgruppe | Einstieg für nicht-börsennotierte KMU, insbesondere Kleinstunternehmen | Unternehmen, an die Geschäftspartner weitergehende Anforderungen stellen |
| Umfang | 11 Angaben (vereinfachte narrative Angaben plus ESG-Kennzahlen) | 9 zusätzliche Angaben |
| Besonderheit | Grundsatz „if applicable“ reduziert die tatsächlichen Anforderungen | Sustainable-Finance-Datenpunkte (SFDR PAI Tabelle 1, EBA Pillar 3, Benchmark-Verordnung) als Proxys für ESG-Management |
| Voraussetzung | – | Das Basic-Modul ist Pflichtgrundlage |
Der modulare Ansatz erlaubt es, klein zu starten und bei Bedarf gezielt zu erweitern – ohne bei jedem Schritt ein komplett neues Berichtssystem aufzusetzen.
Vom VSME zum Voluntary Standard: Was sich mit Omnibus I geändert hat
Der heutige VS ist die Weiterentwicklung des VSME. Die zeitliche Entwicklung im Überblick:
- Dezember 2024: EFRAG übermittelt den VSME als Technical Advice an die Europäische Kommission.
- Juli 2025: Die Kommission nimmt den VSME als Empfehlung an.
- Nach Omnibus I: Die Kommission überführt den VSME in einen einzigen Standard für die freiwillige Anwendung (VS) per delegiertem Rechtsakt.
Die wichtigste inhaltliche Änderung betrifft die Zielgruppe: Der Anwendungsbereich wächst von nicht-börsennotierten KMU auf alle Unternehmen mit bis zu 1.000 Mitarbeitenden – unabhängig davon, ob börsennotiert oder nicht. Damit rückt der klassische Mittelstand vollständig in den Fokus.
Weitere zentrale Anpassungen des VS gegenüber der VSME-Empfehlung:
- Die Guidance (vormals Annex II) wandert auf die EFRAG-Website und in den Knowledge Hub, auf die der Standard direkt verweist.
- Ein neuer Anhang definiert die Datenpunkte für den Value Chain Cap – getrennt für Unternehmen mit bis zu 10 und mit mehr als 10 Mitarbeitenden.
- Für Unternehmen mit 10 oder weniger Mitarbeitenden werden bestimmte, anspruchsvollere Angaben (u. a. Kreislaufwirtschaft/Abfall, Strategie, Klimarisiken, Umsatz) als freiwillig eingestuft.
- EMAS und VS lassen sich in einem einzigen Bericht kombinieren.
- Das Auslassungsregime wurde erweitert und an die vereinfachten ESRS angeglichen.
Das SME-Ecosystem: mehr als ein Standard
Ein Kernbotschaft des Updates: EFRAG versteht den freiwilligen Standard nicht als isoliertes Dokument, sondern als Teil eines lebendigen Ecosystems mit konkreten, laufend weiterentwickelten Bausteinen.
- SME Forum & Community sowie regelmäßige Outreach-Events bündeln Praxiserfahrung und geben Unternehmen eine Stimme in der Weiterentwicklung.
- Eine Sammlung realer VSME-Berichte und Umfragen zur Marktakzeptanz schaffen Marktpraxis und Vergleichbarkeit.
- Das VSME Digital Template samt XBRL-Taxonomie und Excel-to-XBRL-Konverter erleichtert die digitale Erstellung. Die aktuelle Version 1.3.0 (Juni 2026) unterstützt inzwischen 12 Sprachen und bietet neue Gestaltungsoptionen.
- Der EFRAG Knowledge Hub führt ESRS und VSME, Implementation Guidances, Q&As und XBRL-Taxonomien auf einer Plattform zusammen – inklusive Versionsvergleich und kuratierten Antworten.
Für den Zeitraum September bis November 2026 hat EFRAG drei priorisierte Deliverables angekündigt: die überarbeitete Guidance zum VS inklusive erster Übersetzungen, eine Correspondence Table VS–ESRS und aktualisierte Versionen des Digital Template. Parallel läuft von Juli bis Oktober 2026 eine Agenda-Konsultation, die die Prioritäten für Implementierungsunterstützung und weitere Vereinfachungen festlegt.
Was das für Ihr Unternehmen bedeutet
Auch wenn der VS freiwillig ist – für viele Unternehmen wird er praktisch relevant, sobald Kunden, Banken oder Rating-Plattformen entsprechende Daten anfragen. Aus dem EFRAG-Update lassen sich vier Handlungsfelder ableiten:
- Der adressierbare Kreis wächst deutlich. Mit der Ausweitung auf bis zu 1.000 Mitarbeitende ist der VS nicht mehr nur ein KMU-Thema, sondern erreicht den gesamten Mittelstand.
- Der Lieferketten-Hebel wird konkret. Wer den VS früh nutzt, kann die Vielzahl individueller ESG-Fragebögen bündeln und großen Geschäftskunden strukturiert antworten – ein spürbarer Effizienzgewinn.
- Modularität erlaubt einen pragmatischen Einstieg. Das Basic-Modul schafft Reporting-Readiness ohne Wesentlichkeitsanalyse; das Comprehensive-Modul deckt die typischen Anforderungen von Banken und Großkunden ab.
- Digitale Werkzeuge sind bereits verfügbar. Digital Template, XBRL-Konverter und Knowledge Hub senken die Einstiegshürde deutlich – die Infrastruktur muss nicht selbst aufgebaut werden.
Und wie so oft gilt: Der eigentliche Mehrwert entsteht nicht im Bericht selbst, sondern in der Struktur dahinter. Eine belastbare Datenbasis, ein sauber berechneter Carbon Footprint und klare Verantwortlichkeiten für ESG-Themen machen aus einer reinen Reporting-Pflicht ein Steuerungsinstrument – und häufig auch einen Wettbewerbsvorteil, etwa bei Rating-Plattformen wie EcoVadis oder CDP.
Unser Angebot: In 30 Minuten zum Fahrplan
Jedes Unternehmen ist anders aufgestellt – in Größe, Branche und Reifegrad der Nachhaltigkeitsstrategie. Deshalb gibt es keine Lösung von der Stange.
Ob berichtspflichtig oder nicht: In einem kostenlosen 30-minütigen Experten-Call analysieren wir Ihren Status quo und identifizieren die wichtigsten Handlungsfelder – von der Frage, welches VS-Modul zu Ihnen passt, über die Berechnung Ihrer Scope-3-Emissionen bis hin zu Synergien mit EcoVadis oder CDP.
Kontaktieren Sie uns für eine individuelle Beratung telefonisch unter 08192-99733-20 oder per E-Mail .
Quellen
- EFRAG (2026): Friends of EFRAG Event – Q2 Update, 15. Juli 2026.
- Europäische Kommission (2026): Delegierter Rechtsakt zum Voluntary Standard.
- EFRAG Knowledge Hub, VSME Section (efrag.org).








